Die erste Europäerin
Die "Erste Europäerin" so haben politische Freunde die heimgegangene Bundestagsabgeordnete Luise Rehling in Bonn und Straßburg, in Brüssel und Luxemburg genannt. Denn sie war vom ersten Tag an dabei, als es um Europa ging. "In der Überzeugung, daß zum Schutze und zur fortschreitenden Verwirklichung dieses Ideals und zur Förderung des sozialen und wirtschaftlichen Fortschritts zwischen den europäischen Ländern, die von demselben Geist beseelt sind, eine enge Verbindung hergestellt werden muß". Deshalb war Luise Rehling in ihrem Element, wenn vom Europarat, der Westeuropäischen Union, der Montan-Union, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft oder von Euratom die Rede war. Die Londoner, die Pariser, die Brüsseler und die Römischen Verträge gehörten zu ihrem politischen Handwerkszeug, so wie der Jurist mit DGB und ZPO umgeht. Aber es ging ihr nicht um dieses "Handwerkszeug", sondern um das, was dahinterstand. Sie hat bei einem Überblick über die europäische Entwicklung oft an Winston Churchill erinnert, der in seiner berühmten Züricher Rede von 1947 zum Zusammenschluß Europas aufforderte: "Wir müssen etwas wie die Vereinigten Staaten von Europa schaffen. Nur so können wir die einfachen Freuden und Hoffnungen zurückgewinnen, die das Leben lebenswert machen. Der erste Schritt bei der Neugründung der europäischen Familie muß eine Partnerschaft zwischen Deutschland und Frankreich sein". Für dieses Ziel hat Luise Rehling als eine der ersten deutschen Delegierten der Beratenden Versammlung des Europarates, der sie seit 1950 angehörte, und als Vizepräsidentin des Kulturausschusses des Europarates und später als Mitglied der Westeuropäischen Union (WEU) unermüdlich gewirkt. Seit einem Jahr hatte sie die Vorbereitungen für einen großen Europäischen Jugendkongreß übernommen, der 1965 im Ruhrgebiet stattfinden sollte. Darüber hat sie der Tod ereilt. Luise Rehling brachte für die politische Arbeit alle Voraussetzungen mit: Sachverstand, Geist, Tatkraft, politischen Weitblick und Lebensklugheit, die sich mit menschlicher Wärme verband. Was den Sachverstand anging, so hatte sie sich bereits in jungen Jahren die Grundlagen erarbeitet. Nach einem Studium der Philologie mit den Fächern Geschichte und Erdkunde promovierte sie 1924 mit Glanz über das Thema: "Deutschland, England und das Orientproblem in den 90er Jahren". Mit solchen Gaben ausgerüstet, arbeitete Luise Rehling für Europa und damit zugleich für unser deutsches Volk und seinen neuen politischen Weg, heraus aus Schutt und Trümmern. Wenn dies den Hagenern nicht so deutlich geworden ist, so hat es aber die ganze Stadt bei ihrem plötzlichen Ableben und am Tage ihrer Beisetzung gespürt. "Frau Dr. Rehling ist tot" - das war die traurige Kunde, die in den Abendstunden des 29. Mai 1964 in Hagen von Mund zu Mund weiter lief, von Fernsprecher zu Fernsprecher. Die Abendmeldung im Rundfunk und Fernsehen strahlte sie in die deutschen Lande und in die weite Welt. Wenige Tage nach einem plötzlichen Gehirnschlag war ein reiches Leben, dem viel aufgetragen war, zu Ende gegangen. Die Trauer war groß. Aber der Abschied von der Heimgegangenen in der Lutherkirche war nicht auf diesem Ton gestimmt. Hier wurde etwas deutlich von der Kraft, aus der heraus die Politikerin Luise Rehling gelebt hat. Die in der Lutherkirche versammelte Trauergemeinde bezeugte in ihrem Gottesdienst die Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem, der "Heimat droben im Licht", wo es keine Grenzen und Mauern und keine Integrationsprobleme mehr gibt. Die Posaunen jubelten im höhern Chor: "Gloria sei Dir gesungen mit Menschen- und mit Engelszungen!" Für manchen war diese Feier eine gar wunderliche Sache. Die Männer mit den bekannten Namen aus der großen Politik - fast die gesamte Bundesregierung und hohe Vertreter der europäischen Behörden nahmen teil, sangen, lobten und beteten mit und - sagten kein Wort. So entsprach es dem Wunsch der Verstorbenen, den auch der Bundeskanzler und der Altbundeskanzler respektierten. Einen wunderliche Sache? Nun, im Leben der "Ersten Europäerin" war manches gar wunderlich gelaufen. Man hatte die Pastorenfrau nach 1945 aus dem Pfarrhaus "weggeholt" und ihr gesagt: "Wir brauchen Sie für den Wiederaufbau unserer Stadt". Nur sehr zögernd stimmte sie zu, als habe sie geahnt, was später auf sie zukommen würde. In der Vorschlagsliste der zunächst vom Britischen Stadtkommandanten zu ernennenden Stadtverordneten wollte sie nur im zweiten Glied stehen. Es kam anders. Der Stadtkommandant wollte unbedingt eine Frau im ersten Glied und änderte die Reihenfolge ab. So gehörte Luise Rehling zu den ersten Stadtverordneten, die in das Trümmerrathaus einzogen. Man tagte im "Ratskeller" einem der wenigen Räume, in die es nicht hereinregnete. In den Jahren 1946 - 49 war Frau Dr. Rehling ausschließlich in der Kommunalpolitik tätig. Hier lagen die "starken Wurzeln ihrer Kraft", wenn man dies einmal so ausdrücken darf. Hier wurden die Schienen gelegt, die später in die große Politik einmünden sollten. Bemerkenswert, daß Frau Dr. Rehling zwei wichtigen kommunalen Ausschüssen bis zu ihrem Tode treu blieb und hier den Vorsitz führte: im Schulausschuß und im Ausschuß für Erwachsenenbildung. So ist der Auf- und Ausbau des Schulwesens und der Volkshochschule in der Stadt Hagen mit dem Namen von Luise Rehling besonders verbunden. Mit der Gründung der Bundesrepublik und der Wahl zum 1. Deutschen Bundestag begann der zweite Abschnitt im Leben der Politikerin Dr. Rehling. Sie wurde in direkter Wahl als Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Hagen gewählt. Auch dieses Amt hatte sie nicht begehrt. Nun aber wußte sie und hat dies damals ausgesprochen: "Es ist ein Dienst, der mir aufgetragen wurde" Sie hat diesen Dienst 15 Jahre lang durchgestanden, obwohl sie die Spannungen aus ihren vielseitigen Verpflichtungen als Frau und Mutter, als Pfarrfrau und Abgeordnete immer empfand. Sie teilte nun ihren Alltag zwischen Hagen und Bonn. Straßburg, Paris, Brüssel und Luxemburg, muß man hinzufügen, seit sie in ihre europäischen Ämter berufen wurde. Wenn man ihren Arbeitstag verfolgte und sie auf ihr nimmermüde Konstitution ansprach, sagte sie: "Man lernt es, intensiver zu leben". Die Kraftquelle für ihr Wirken, das ist schon ausgesprochen, nahm sie aus ihrem tiefen Christusglauben. Von daher, so hat es eine Journalisten nach ihrem Tode ausgedrückt, "kam ihr die Sicherheit und Besonnenheit, jene souveräne mütterliche Ruhe, die alle in ihren Bann zog und sie zugleich als Politikerin in die Reihe jener Frauen aufnimmt, die mit den Namen einer Lise Meitner, Fredda Wüsthoff, Annette Kolb, Gertrud von le Fort, Edith Stein, um nur einige wenige hinweisend zu nennen, gekennzeichnet sind". Was Luise Rehling, die "erste Europäerin" als Mensch und in Sonderheit als Pfarrfrau an der Seite ihres Mannes, hier vor allem in der Zeit des Kirchenkampfes und in der Auseinandersetzung mit dem Mädchen des "dritten Reiches" gewirkt hat, sprengt den Rahmen dieses Gedächtniswortes. Dies zu beschreiben wäre ein besonderes Kapitel - ein großes Kapitel, das fast vier Jahrzehnte eines Lebens, das 68 Jahre währte, umspannt. Für die Politikerin sei in Dankbarkeit gesagt: Luise Rehling hat sich um die Stadt Hagen, um Deutschland und Europa verdient gemacht.
