Die CDU hat eine Vorgeschichte
Vor geschlossener Tür
Jupp Golüke, wie er überall genannt wurde, der sofort nach dem Einmarsch der Amerikaner am 14. April 1945 seine politische Arbeit zunächst im Rahmen der Deutschen Zentrumspartei wieder aufgenommen hatte, muß - wenn seine Aufzeichnungen richtig gedeutet werden - vor der Tür des von den Amerikaner eingesetzten kommissarischen Oberbürgermeister Dr. Werner Dönneweg gestanden haben, ohne eingelassen zu werden Vor der geschlossenen Tür, denn Golüke wie sein sozialdemokratischer Partner Gustav Triebel durften nicht hinein. Angesichts der Plünderungen in der Stadt, die immer bedrohlicher wurden, wollten Golüke und Triebel den Oberbürgermeister bedrängen, aus der Arbeiterschaft eine Hilfspolizei von 300 bis 400 Mann aufzustellen, wobei die Vorschläge von den beiden Parteien kommen sollten. Das soll innerhalb weniger Tage geschehen. Dr. Dönneweg, unter dem nationalsozialistischen Oberbürgermeister Heinrich Vetter Bürgermeister und nominelles Mitglied der NSDAP, wollte die Vertreter der Parteien nicht vorlassen. Er wolle mit Parteien nichts zu tun haben, er sei von den Amerikaner ernannt, ließ er durchblicken. Wenn man will, ist dies als geschichtliche Szene eine der bedeutendsten Entdeckungen des Dr. Rudolf Pesch, die er während seiner Recherchen zum goldenen Jubiläum der Hagener CDU gemacht hat. Sie ist in zwei hinterlassenen Dokumenten des Josef ("Jupp") Golüke enthalten und erlaubte Rückschlüsse, die seit dem plötzlichen Tod des Politikers fast genau vor 35 Jahren am 4. August 1960 den Hagener Chronisten nicht mehr präsent waren. Das erste Dokument ist ein Redemanuskript, das Josef Golüke der spätere Mitgründer der CDU in Hagen, am 8. Juli 1945 gehalten hat. Vor welchem Zuhörerkreis, ist unbekannt. Zu vermuten ist eine Zusammenkunft früherer Zentrumspolitiker. Es ist säuberlich mit mechanischer Schreibmaschine wahrscheinlich beim Gemeinnützigen Wohnungsverein, dessen Direktor Golüke schon damals war, getippt worden. Das zweite Dokument - das teilweise aus maschinengeschriebenen Stichworten wahrscheinlich nach Diktat besteht - weist den Titel auf "Kommunalpolitische Tätigkeit der Fraktion der CDU seit April 1945". Der Bericht ist gegeben worden auf dem Kreisparteitag der CDU im Oktober 1946. Golüke läßt darin die Geschehnisse und Abläufe in einem Gruß erscheinen. Die Aktivitäten in der Deutschen Zentrumspartei, in der CDP und CDU werden im Rückblick auf dem CDU-Kreisparteitag zur Rechenschaft der CDU einfach mit zusammengefaßt. Offensichtlich wird, daß die Frauen und Männer der ersten Stunde von 1945 die CDU nicht als Neugründung, sondern als Weiterentwicklung ihrer bisherigen Tätigkeit auffassten, ob sie sich nun unter dem Namen der Zentrumspartei oder des Evangelischen Volksdienstes abspielte.
Urton Golüke Das Thema, das die beiden Politiker mit dem von den Amerikanern eingesetzten Oberbürgermeistern bereden wollten, war schließlich von außerordentlicher Dringlichkeit. Im Vortrag vom 8. Juli 1945 sieht der Urton Golüke so aus: "Die Plünderungen nahmen ihren Fortgang. Die Not stieg aufs Höchste. In diesem Augenblick unterbreiteten die Vertreter des Zentrums und der SPD dem Bürgermeister Dr. Dönneweg scharf formulierte Vorschläge, wie man der Plünderungen Herr werden könne. Da die Polizei zwar unbewaffnet war, aber auch sonst vollkommen versagte, wurde der Stadtverwaltung vorgeschlagen, aus der Arbeiterschaft, deren Auswahl sich die beiden Parteien vorbehielten, eine Hilfspolizei von 300 bis 400 Mann innerhalb weniger Tage aufzustellen. Der Bürgermeister ging jedoch nicht auf diese Vorschläge ein, sondern empfing trotz mehrfacher Versuche weder den Vertreter der SPD, Herrn Triebel, noch mich."
Sasse gemeinsamer Kandidat
Natürlich hatte die Militärregierung zu jenem Zeitpunkt die Bestätigung von politischen Parteien noch nicht erlaubt. Doch die Parteien des Weimarer Spektrums fingen auch ohne Genehmigung einfach dort an, wo sie 1933 ihre Arbeit einstellen mußten. Und sie waren vermutlich schon Gesprächspartner des britischen Stadtkommandanten Major Peter Alexander. Urton Golüke: "Ich trat dann mit dem Vertreter der SPD, Herrn Treichel, an den damaligen Leiter des Hagener Ernährungs- und Wirtschaftsamtes, Herrn Stadtamtmann Sasse heran, mit der Bitte, auf unseren Vorschlag das Amt des Oberbürgermeisters zu übernehmen". Ewald Sasse hat damals zunächst "abgewinkt", weil er die Versorgung der Bevölkerung noch nicht gesichert sah und er sein Amt als Leiter des Ernährungs- und Wirtschaftsamtes fortführen wollte. Doch dauerte es damals nur wenige Tage, bis der Stadtkommandant sich entschloß, Dönneweg abzuberufen. Am 18. Mai 1945 begann die Amtszeit von Ewald Sasse als Oberbürgermeister und späterer Oberstadtdirektor. Der ungeduldige Kommentar von Golükes: "Damit waren leider 4 Wochen unnützen Hin-und-Her-Regierens vergangen und eine kostbare Zeit, die dem Wiederaufbau der Stadt dienen konnte, verloren." Die Wirksamkeit der demokratischen politischen Parteien war also schon weit früher gegeben als bei ihrem offiziellen Wiederbeginn im September 1945. Da wird die bisherige Stadtgeschichtsschreibung um eine bedeutsame Nuance korrigiert.
Aufbau der Zentrumspartei
In dem Redemanuskript wird voller Stolz vermerkt: "Der Aufbau unserer alten Zentrumspartei mit 13 Ortsgruppen in allen Stadtteilen Hagens kann als gesichert gelten". Und: "Am 31.5.1945 fand die Wahl des Vorstands der Hagener Zentrumspartei im Gesellenhaus statt." Eine besonders prägnanten Überblick gab Josef Golüke zum Wiederbeginn des Schulunterrichts: "Zur Wiederingangsetzung des Schulunterrichts, der möglichst am 1.August oder 1. September (1945, die Verf.) beginnen soll, sind für die ersten 4 Schuljahre 120 Schulklassen mit je 50 Kindern erforderlich". "Da sämtliche Lehrer vom Schuldienst suspendiert sind, dürfte die Auswahl der neu anzustellenden Lehrkräfte nach den von der Regierung erlassenen Richtlinien baldigst erfolgen." Zunächst würden Lehrkräfte eingestellt, die nicht der NSDAP angehört hatten. Es handelt sich hierbei um etwa 50 Lehrpersonen. In zweiter Linie kämen die Lehrpersonen zur Anstellung, die nach dem 1.5.37 der NSDAP beigetreten und dort kein Amt bekleidet hätten. Wenn das nicht ausreiche, werde auf solche Personen zurückgegriffen, die vor dem 1.5.1937 der NSDAP beigetreten wären und dort kein Amt bekleidet hätten. "Alte Kämpfer", die vor dem 30. April 1933 bereits der NSDAP angehörten, und sogenannte Aktivisten würden, so sagte Golüke in diesem Bericht, nicht wieder eingestellt. Als Golüke dies sagte, standen diese Ereignisse noch bevor.
"Säuberung" auch im Rathaus
Durch Verfügung des Regierungspräsidenten und der alliierten Militärverwaltung sind - das geht ebenfalls aus diesem Bericht hervor - zunächst alle "alten Kämpfer" entlassen worden. Allein bei der Stadtverwaltung seien das 159 Personen gewesen. Golüke kündete weitere Entlassungen von aktiven Nationalsozialisten an. Dabei sei zu berücksichtigen, daß die Verwaltungsarbeit nicht unterbrochen werden dürfte und daß für die neuen Kräfte Einarbeitungen notwendig seien. Dramatische die Schilderung Golükes von der Situation des demokratischen Anfangs: "Sämtliche Straßen und Wege waren durch voraufgegangene Bombardements und Artilleriebeschluß verstopft, sämtliche Eisenbahn- wie Fahrzeugbrücken über Volme, Ruhr und Lene zerstört. Hagen glich einer Insel, die nur auf weiten Umwegen zu erreichen und zu verlassen war. Die Lebensmittellager waren leer und das wenige Vorhandene den Plünderungen der ausländischen Zwangsarbeiter wie auch, wie wir heute feststellen müssen, der deutschen Bevölkerung ausgesetzt. Ein furchtbares Erbe hatte uns die nationalsozialistische Herrschaft zurückgelassen. Unsere Aufgabe bestand im Wesentlichen darin, die Bevölkerung vor einer Hungersnot zu bewahren." Golüke datiert in diesem Bericht den Beginn der Tätigkeiten der auf dem Boden der Weimarer Verfassung stehenden Parteien mit der Errichtung der ersten neuen Stadtverwaltung durch die Amerikaner, also unmittelbar nach der Beendigung der Kampfhandlungen und dem Einmarsch der Amerikaner am 14. April 1945, also noch drei Wochen vor der deutschen Kapitulation am 8.Mai 1945. Die zeitliche Nähe der Aufzeichnungen zu den Ereignissen macht sie in besonderer Weise authentisch. Golüke, der diese Äußerungen auf dem Kreisparteitag im Oktober 1946, das Dokument trägt kein genaues Datum - offenbar vor den ersten freien Wahlen am 13. Oktober 1946 - machte, hat sich zu einer kommunalen Zusammenarbeit mit der SPD bekannt, den bisherigen und zukünftigen Partner aber zugleich indirekt vor einer Vereinigung mit dem Kommunisten gewarnt. "Wir haben kein Interesse an einem Zusammenschluß beider Parteien, SPD und KPD. Wenn ja, dann würde die Frage einer christlichen Arbeiterbewegung erneut akut. Zu Erklärung: Vertreter der ehemaligen "freien" und "christlichen" Gewerkschaften hatten sich inzwischen weitgehend zum Prinzip der "Einheitsgewerkschaft" bekannt. Immer hat neben dieser Feststellung der damalige erste Sprecher der CDU im ernannten und später gewählten Rat der Stadt Hagen weitere grundsätzlich Thesen aufgestellt, die in der Folgezeit Prinzipienrang erreichten:
- Breite Schichten der Bevölkerung sollten durch fähige Kräfte an der Verwaltung der Stadt Hagen beteiligt werden, ohne Rücksicht auf das sogenannte Berufsbeamtentum, wobei keineswegs daran gedacht sei, dessen Rechte und Aufgaben zu schmälern.
- Die Verwaltung müsse so volkstümlich wie möglich gestaltet werden, um breitesten Schichten der Bevölkerung das notwendige Vertrauen einzuflössen.
- "Wir wollen kein Staats-, sondern ein Volkschristentum seinen inneren Wert wiedergeben."
- "Für Nur-Geschäftsmacher ist bei uns kein Platz".
- "Wir haben zu arbeiten Tag für Tag und Nacht für Nacht im Dienste des Volksganzen. Wollten wir dies nicht, hätten wir unser Schicksal in den Händen deren lassen können, die uns zugrunde gerichtet haben. Jetzt muß das ganz Volk Helfer sein."
