50 Jahre Christlich-Demokratische Union
Über die Anfänge der CDU in HagenVon Dr. Rudolf Pesch
Am 14. April 1945 drangen US-Truppen des 341. Infanterie-Regiments aus dem Volmetal in das fast völlig zerstörte Hagener Stadtzentrum vor. Nur vereinzelt gab es Widerstand. Schon am 17. April war ganz Hagen besetzt - endlich Schluß mit dem grausamen Krieg und der 12jährigen nationalsozialistischen Diktatur! Die Zeit der Militärregierung begann. Zunächst waren es die Amerikaner, die aber schon Ende April von einem britischen Verwaltungsstab unter der Führung von Major Peter Alexander abgelöst wurden. Wichtig war den Besatzungsmächten von Anfang an, loyale Partner für die fast unlösbar erscheinenden Verwaltungsaufgaben im zerbombten Hagen zu gewinnen. Erster neuer Chef im Rathaus wurde - noch von den Amerikanern eingesetzt - der bisherige Bürgermeister Dr. Werner Dönneweg, dem jedoch wegen seiner NS-Vergangenheit schon nach wenigen Wochen ein Mann folgt, der auf die kommunalpolitische Entwicklung und vor allem auch die frühen Jahre der CDU in Hagen maßgeblichen Einfluß hat: Ewald Sasse. Es wird überliefert, daß Franziskanerpater Ubald von der Klostergemeinde St. Elisabeth den Engländern Ewald Sasse als tüchtigen Beamten und "rechtschaffenen katholischen Mann" empfohlen habe. Obgleich Sasse während des Krieges des städtischen Ernährungs- und Wirtschaftsamtes war, hatte er weder der NSDAP noch anderen NS-Organisationen angehört, galt als ein stark von der katholischen Zentrumspartei in der Zeit vor 1933 geprägter Verwaltungsfachmann und genoß als Oberbürgermeister und - ab 1946 - als erster Hagener Oberstadtdirektor Respekt und Vertrauen über alle Parteigrenzen hinweg. Bis Ende August 1945 blieben politische Parteien prinzipiell verboten. Dennoch regte sich schon wenige Tage nach Ende des Kriegsgeschehens in Hagen parteipolitisches Leben. Der SPD mit Heinrich Treichel und Gustav Triebel an der Spitze sowie der KPD mit ihrem legendären Vorkämpfer Vorkämpfer Paul Harige gelang es sehr schnell - wenn auch anfangs in mehr verdeckten Formen -, feste organisatorische Strukturen zu schaffen, gestützt auf die Tradition und Erfahrung aus der Zeit vor 1933. Auch im liberalen Lager gab es zunächst ein Wiederbeleben der Weimarer Parteinlandschaft. Namentlich Oscar Funcke und Dr. Max Kinzius bemühten sich um einen Neuanfang der Deutschen Volkspartei (DVO). Oscar Funcke war bereits vor 1933 als Vertreter der DVP Mitglied der Hagener Stadtvertretung. Dasselbe galt auch für Ewald Becher von der Deutschen Demokratischen Partei, der zusammen mit Wilhelm Weyer und Friedrich Wilhelm Piepenstock für eine neue DDP antrat. Der DVP war kein Erfolg beschieden. Sie löste sich Mitte 1946 auf. Die meisten Mitglieder - so auch Oscar Funcke - schlossen sich der DDP an, die sich nunmehr Freie Demokratische Partei (FDP) nannte. Zwei prominente FDP-Politiker aus Hagen setzten später das Engagement ihrer Väter in hohen Ämtern auf Bundes- und Landesebene besonders erfolgreich fort, Liselotte Funcke und Willi Weyer. Hagen galt in jener Zeit als "liberale Hochburg". Von einer Christlich Demokratischen Partei war in den ersten Nachkriegswochen noch keine Rede. Als im Juni 1945 auf Anordnung der Militärregierung und in Anlehnung an die sich abzeichnende Parteienstruktur ein "Stadtausschuß" entstand, der den Oberbürgermeister beraten und Anregungen für die Neuordnung des kommunalen Lebens geben sollte, marschierte das christliche Lager noch in konfessionell getrennten Formationen. Je zwei Sitze erhielten das katholische Zentrum und der Evangelische Volksdienst. Die zwölf Sitze des Stadtauschusses wurden wie folgt besetzt:
Gewerkschaftssekretär Gustav Triebel, SPD Arbeiterwohlfahrtssekretär Heinrich Treichel, SPD Städtischer Angestellter Gustav Weber, KPD Stadtoberinspektor Eduard Vieth, KPD Fabrikant Oscar Funcke, DVP Wirtschaftsprüfer Dr. Max Kinzius, DVP Ingenieur Ewald Becher, DDR Fabrikant Friedrich Wilhelm Piepenstock, DDP Verleger Otto Riepel, Evangelischer Volksdienst Abteilungsleiter Ludwig Link, Evangelischer Volksdienst Prokurist Franz Beulen, Zentrum Geschäftsführer Josef Golüke, Zentrum
Das zuletzt genannte Mitglied des neuen Gremiums, Josef Golüke, Geschäftsführer des Gemeinnützigen Wohnungsverein e.G. in Hagen, spielte bei der nun einsetzenden Entwicklung neben Ewald Sasse die wohl wichtigste Rolle. Wie es in den Sommermonaten des Jahres 1945 in tatsächlich gelang, Brücken zwischen Zentrum und Evangelischen Volksdienst zu bauen und den Weg zu Union zu finden, ist angesichts der mageren Quellenlage nicht mit allen Einzelheiten nachzuzeichnen. Außerordentlich hilfreich ist eine Examensarbeit mit dem Titel "Wiederbegründung der CDU in Hagen nach 1945 und ihre Geschichte bis 1947", die Regina Zurgeissel aus Letmathe im Jahre 1975 auf Anregung von Prof. Dr. Friedrich Keinemann an der damals noch in Hagen ansässigen Pädagogischen Hochschule verfasste. Warum der Titel von "Wiederbegründung" spricht, bleibt rätselhaft. Die CDU ist bekanntlich eine erst nach dem 2.Weltkrieg entstandene völlig neue Partei. Wichtiger ist, daß Regina Zurgeissel auf die Frage, wie sich die Entwicklung zu dieser neuen Partei in Hagen abspielte, interessante Antworten liefert, und zwar auf der Grundlage zahlreicher Gespräche, die sie im Jahre 1975 mit damals noch lebenden Zeitzeugen geführt und protokolliert hat. Ihre Gesprächspartner waren u.a. Paul Hecker, Anton Steirer, Fritz Heidbüchel, Wilhelm Hefer und Werner Gerber, alles Männer, die in der CDU eine große Rolle spielten, Paul Hecker z.B. als maßgeblicher Mitbegründer der Hagener CDU und Ratsmitglied bis 1964, Wilhelm Hefer als langjähriger Bürgermeister der Stadt und vor allem Werner Gerber, der nach dem Tode von Josef Golüke im Jahre 1960 Fraktionsvorsitzender der CDU im Rat der Stadt Hagen wurde, diese Funktion bis 1975 wahrnahm und fraglos einer der einflußreichsten Hagener CDU-Politiker wurde. Eine weitere wertvolle Quelle ist eine Mappe aus dem Nachlaß von Paul Hecker mit interessanten Aufzeichnungen und Dokumenten aus der Frühzeit der CDU und der Christlichen-Sozialen Arbeitnehmerschaft. Bei Paul Hecker gibt es für den 18. April 1945 folgende handschriftliche Notiz: Mit Josef Golüke Eilper Hang heruntergeklettert und Pfarrer Hansknecht aufgesucht. Soll alle Zentrumsleute zum Kolpinghaus laden". Hansknecht war Pfarrer der Herz-Jesu-Gemeinde in Eilpe. Regina Zurgeissel hält dazu folgendes fest: "Bemerkenswert am Aufsuchen eines katholischen Pfarrers ist nicht nur die Parallele zum Gespräch Pater Ubalds mit Major Alexander, sondern das Ergebnis dieses Gesprächs: "Pfarrer Hansknecht wies auf die Bedeutung eines starken christlichen Elementes hin, das nun endlich nach all den Jahren der Schreckensherrschaft in der Bevölkerung, in der politischen Arbeit, im politischen Leben schlechthin wieder zum Tragen komme müsse. Ein Garant für die Betonung der christlichen Sache sei das Zentrum, an dessen Erfolge von 1929 man anknüpfen wolle. Bestärkt in ihrer eigenen Meinung beschloß man eine Zusammenkunft am 24. April im teilzerstörten Kolpinghaus." Die nächsten Tage nutzten Golüke und Hekker, um ehemalige Zentrumsmitglieder zu mobilisieren. Postdienst und öffentliche Verkehrsmittel funktionieren natürlich noch nicht wieder. Bei Hecker liest man unter dem 19. April: "Golücke nach Altenhagen und Wehringhausen, selbst nach Haspeund Vorhalle." Am 24. April kam es zum Treffen im Kolpinghaus. Gesichert überliefert ist, daß neben Golüke und Hecker die früheren Zentrumsmitglieder Wilhelm Ernst, Kaspar Schulte und Albert Ohrendorf dabei waren. Natürlich ging es um die Neugründung des Zentrums. Man beriet, wie man mündlich durch ein "Schneeballsystem" möglichst viele Gesinnungsfreunde erreichen konnte und beschloß eine erste förmliche und bei der Militärregierung anzumeldende Versammlung für den 31. Mai 1945. Interessant ist, daß Vertreter aus Boele, wo das Zentrum vor 1933 besonders stark war, in dieser Phase in Hagen noch nicht mitwirkten. Vielleicht lag es an der fehlenden Kommunikation, vielleicht aber auch an der traditionell gepflegten Distanz gegenüber Hagen. In Boeleund Boelerheide soll es jedenfalls - wie Regina Zurgeissel in ihren Gespräch erfuhr - eigenständige Bestrebung zur Wiederbegründung des Zentrums gegeben haben, angeführt von Wilhelm Hefer und dessen Schwager Heinz Salmann. Die Veranstaltung am 31. Mai 1945 fand im Weinzimmer des Ratskellers statt, der trotz des erheblich zerstörten Rathauses weitgehend erhalten geblieben war. Wie groß der Kreis war, ist nicht bekannt. Ganz sicher waren aber dabei die ehemaligen Zentrumsmitglieder Josef Golüke (Ortsteil Emst), der offensichtlich bereits als Vorsitzender fungierte, Paul Hecker (Ortsteil Ernst), Heinrich Biermann (Ortsteil Haspe, Stadtverordneter vor 1933), Julius Degenhardt (Ortsteils Altenhagen, Vater des jetzigen Paderborner Erzbischofs) Bernd Kruse (Ortsteil Eilpe, Stadtverordneter vor 1933), Dr. Heinrich Öbicke (Ortsteil Fleyerviertel), Ewald Sasse (Ortsteil Fleyerviertel), Johannes Schmidt (Ortsteil Boele) sowie Kaspar Schulte und Wilhelm Schulte (Ortsteil Althagen). Außerdem nahm Josef Kirchhoff aus Haspe teil, der als einziger vor 1933 nicht der Zentrumspartei angehörte, sondern der Christlich-Sozialen Reichspartei, einer 1929 vom "Linken Flügel" des Zentrums abgesplitterten Gruppierung, die allerdings 1933 keine nennenswerte Bedeutung mehr erlangen konnte. Leider ist auch von der Zusammenkunft am 31. Mai im Weinzimmer nicht viel Konkretes überliefert. Nach Heckers Erinnerung gab es aber bereits erste strategische Überlegungen über die Aussichten und Einflußmöglichkeiten einer wiederbelebten Zentrumspartei angesichts der Tatsache, daß der Anteil der Katholiken in Hagen bei etwa einem Drittel lag. Auch über mögliche Kooperationen mit dem Evangelischen Volksdienst soll gesprochen worden sein. Das Thema CDU war noch nicht aktuell. Ganz sicher muß es aber Wahlen gegeben haben; denn in Paul Heckers Nachlaß findet sich ein von Golüke unterschriebener Brief mit folgendem Inhalt: "Am 31. Mai 1945 hat eine Vertreterversammlung der Hagener Zentrums-Partei stattgefunden und Sie als Besitzer in den Parteivorstand gewählt. Wir hoffen gern, daß Sie diese Wahl annehmen und bereit sind, Ihre bewährte Kraft für die Bewältigung der kommenden großen Aufgaben im Interesse des Volksganzen zur Verfügung zu stellen. Wir fügen diesem Schreiben eine Einladung zu einer kurzen Besprechung bei, die am Sonntag, dem 8. Juli stattfinden soll. Wir würden uns freuen, wenn Sie dieser Einladung Folge leisten. Mit bestem Gruß! Gez. Golüke" Die Frage, wie das Wahlergebnis im übrigen aussah und wie es überhaupt möglich war, den Vorstand einer Partei zu wählen, die es eigentlich noch gar nicht geben durfte, muß unbeantwortet bleiben. Nach allem, was sich aus den spärlichen Quellen rekonstruieren läßt, hat es in den Monaten Juni/Juli/August 1945 noch eine ganze Reihe von Zusammenkünften der neuen Hagener Zentrums-Bewegung gegeben. Und immer mehr setzte sich auf beiden Seiten der Union-Gedanke durch. Golüke war bei alledem der organisatorische Motor. Wichtige Überzeugungsarbeit leisteten auf katholischer Seite Ewald Sasse und vor allem ein Mann, der im Zentrum vor 19033 bereits einer herausragende Rolle spielte, nämlich Wilhelm Alef. Alef stammte aus der Christlichen Gewerkschaftsbewegung, war bereits von 1919 bis 1933 Hagener Stadtverordneter, war Mitglied des Reichstages. Ihm gelang es offenbar besonders glaubwürdig und überzeugend, die verhängnisvolle Zersplitterung der Parteienstruktur der Weimarer Republik und die Notwendigkeit eines gemeinsamen Weges der Christen über alle Konfessionen hinweg zu vermitteln. Für den Unionsgedanken setzten sich mit gleichem Engagement auf evangelischer Seite Otto Rippel, Karl Lenz, Julius Brocke und Ludwig Link ein, letzterer Vorsitzender des inzwischen wieder sehr aktiven Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM). Verleger Otto Rippel war dabei der Mann mit dem größten Einfluß auf die evangelische Bevölkerung, auch über Hagen hinaus. Er gehörte vor 1933 zunächst der Deutschnationalen Volkspartei, später dem Christlich-Sozialen Volksdienst an, er war Mitglied der Stadtvertretung von 1908 - 1924, Mitglied des Preußischen Landtages von 1919 - 1924 sowie Mitglied des Reichstages von 1924- 1928 und verfügte wie Wilhelm Alef über große parlamentarische Erfahrung. Die Entwicklung in Hagen blieb natürlich nicht unbeeinflußt von dem, was sich das Lande andernorts abspielte. Überall rang man mit Leidenschaft um die strategische Alternative: Entweder Fortsetzung der traditionellen katholisch geprägten Zentrumsbewegung oder Neugründung einer Partei, die politische Heimat aller Christen sein konnte. Und immer mehr gewann der Unions-Gedanke an Boden. Selbst Heinrich Brüning, der letzte Zentrums-Reichskanzler vor Hitlers "Machtergreifung", setzte sich in zahlreichen Appellen aus seinem US-Exil für die Gründung einer überkonfessionellen Partei ein. Und als sich schließlich so wichtige ehemalige Zentrumsführer wie Leo Schwering, Josef Baumhoff, Karl Arnold und - nach längerem Zögern - auch Konrad Adenauer im Rheinland sowie Lambert Lensing und Josef Kannengießer in Westfalen für die Christlich Demokratische Partei aussprachen, war der Bann gebrochen. Schon am 2. September 1945 fanden zeitgleich Gründungsversammlungen statt, in Köln für das Rheinland, in Bochum für Westfalen. Westfälischer Parteivorsitzender wurde Lambert Lensing, Verleger der früheren traditionsreichen Dortmunder Zentrumszeitung Tremonia/Westdeutsche Volkszeitung und der späteren Ruhrnachrichten. Wie weit die Entwicklung zum gemeinsamen politischen Handeln in Hagen inzwischen gediehen war, erkennt man daran, daß dem ersten, am 2. September in Bochum gewählten Landesvorstand der Christlich-Demokratischen Partei gleich zwei prominente Hagener angehörten, nämlich der katholische Wilhelm Alef und der evangelische Otto Rippel. Die beiden waren es denn auch, die im Herbst 1945 gemeinsam als Redner zum Thema "Unsere Aufgabe im neuen Staat" eine ganze Reihe von Veranstaltungen bestritten, die erstmalig unter dem Namen "Christliche-Demokratische Partei" stattfanden. In den von der Militärregierung herausgegebenen "Amtlichen Bekanntmachungen" vom 27. Oktober 1945 wird eingeladen zu einer Veranstaltung am 29. Oktober 1945 im Lokal Schulte an der Donnerkuhle. Am 30. Oktober sprachen Alef und Rippel im Lokal "Goldener Pflug" in Haspe, am 3. November im Wehringhauser Vereinshaus Lange Straße. Weitere Veranstaltungen der neuen Partei folgten in Altenhagen und Eilpe. Wollte man ein Geburtsdatum der Hagener CDU fixieren, so müßte es der 29. Oktober 1945 sein, der Tag der ersten Hagener Mitgliederversammlung, der "Christlich-Demokratischen Partei" in der Donnerkuhle. Im November 1945kam es zur Einsetzung einer ersten Stadtvertretung. Auf Vorschlag der Parteien berief die Militärregierung 41 Männer und Frauen. Auf die KPD, die SPD und erstmalig auf die neue Christliche-Demokratisch Partei entfielen je 9 Sitze, auf die Demokratische Partei und die Deutsche Volkspartei je 2 Sitze. Weitere Sitze erhielten die sogenannten Stände, z.B. die Gewerkschaften, die Industrie- und Handelskammer und die Kreishandwerkerschaft. Das Zentrum und der Evangelische Volksdienst tauchten nicht mehr auf. Die neun Mandate der CDP wurden wie folgt besetzt: Wilhelm Alef, Otto Rippel, Josef Golüke, Ludwig Link, Anton Steirer, Franz Beulen, Karl Lenz, Dr. Heinrich Oebicke und Dr. Luise Rehling, Paul Hecker vertrat zusammen mit Gustav Triebel den Gewerkschaftsbund. Bemerkenswert ist das Bemühen der CDP um konfessionelle Parität. Fünf Mandatsträger sind evangelisch, vier sind katholisch. Zählt man den Katholiken Paul Hecker hinzu, gibt es den offensichtlich angestrebten Gleichstand. Bemerkenswert ist zweitens, daß hier erstmalig der Name einer Frau erscheint, die in der Geschichte der Hagener CDU bald einer herausragende Rolle spielen sollte, nämlich Dr. Luise Rehling. Die in Hagen und später weit darüber hinaus sehr beliebte und fachlich außerordentlich kompetente Pfarrersfrau gehörte bis 1964 ununterbrochen dem Rat der Stadt Hagen an, und mehr noch, sie vertrat Hagen in vier Legislaturperioden im Deutschen Bundestag. Dreimal, nämlich 1949, 1953 und 1957, gewann sie den Wahlkreis Hagen für die CDU und zog als direkt gewählte Abgeordnete nach Bonn, wo sie zu engsten Führungskreis der Partei und Bundestagsfraktion zählte. Anfang 1946 änderte die bisherige CDP ihren Namen in Christlich-Demokratische Union. Die folgenden Monate wurden genutzt, um eine funktionstüchtige Organisationsstruktur aufzubauen. Der erste CDU-Geschäftsführer war Ludwig von Papen, ebenfalls schon vor 1933 für das Zentrum Mitglied der Hagener Stadtvertretung und sehr erfahren in der parteipolitischen Arbeit. In wenigen Monaten gelang es, in fast allen Stadtteilen Ortsunionen aufzubauen. Fünfzehn waren es bereits bis zum Juni 1946. Die Zahl der Parteimitglieder nahm sprunghaft zu. Trotz Hunger, extremer Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit, überall war man mit der Begeisterung des Anfangs bei der Sache. Das wichtigste Ziel mußte die für den 13. Oktober 1946 angesetzte Kommunalwahl sein, die erste freie Wahl nach dem Krieg und für die neue Hagener CDU der erste demokratische Testlauf. An fünf Tagen im Juli 1946 führte die CDU Hagen an fünf verschiedenen Standorten eine "Kreisschulung" zur Vorbereitung auf die Kommunalwahl durch. Schulungsräume waren das Pfarrheim Berliner Straße 121, das Vereinshaus Lange Straße, das Hotel Stadt Hagen im Hagen im Bunker Bergstraße, die Eckeseyer Schule an der Eichendorfstraße und das Restaurant Schulte-Filthaut an der Donnerkuhle. Das Vortragsprogramm sah wie folgt aus:
"Volkstümliche Redekunst" / Otto Rippel
"Grundfragen der CDU" / Dr. Luise Rehling
"Das Wesen echter Demokratie" / Ludwig von Papen
"Wirtschafts- und Sozialpolitik" / Wilhelm Alef
"Kommunale Aufgaben in der Gegenwart" / Oberstadtdirektor Ewald Sasse
"Was wir von der Gemeindeverfassung wissen müssen" / Dr. Alfons Rehkopp
Höhepunkt im Sommer 1946 war eine Kundgebung mit Dr. Konrad Adenauer, inzwischen Vorsitzender der CDU in der Britischen Besatzungszone. Die Veranstaltung fand am 27. August im "Neuen Theater" Haspe statt. Wegen des großen Andrangs wurde Adenauers Vortrag in einem zweiten Saal, nämlich in der Aula der Oberschule, und auf dem Schulhof übertragen. In der Presseankündigung vom 24. August hieß es u.a.: "Die ersten Stuhlreihen werden für Kriegsversehrte freigehalten." In den letzten Wochen vor der Wahl folgten 13 Wahlveranstaltungen in allen Ortsteilen und eine Kundgebung am 3. Oktober 1946 im Kammermusiksaal der Stadthalle mit einem prominenten evangelischen Redner, dem früheren preußischen Kultusminister Dr. Otto Boelitz aus Soest, Lizenzträger der Westfalenpost und Vater der heutigen WP-Heruasgeberin Dorita Stäter. Daß auf dieser Kundgebung ein namhaftes evangelisches CDU-Mitglied sprach, war gewiß kein Zufall. Während der katholische Bevölkerungsteil den neuen Weg mit der CDU offenbar ziemlich einmütig bejahte und das Zentrum in Hagen nie mehr eine Rolle spielte, machte man sich Sorgen um die Wahlentscheidung der evangelischen Bevölkerung. Welche Probleme es gegeben haben muß, kann man aus einem Aufruf von Otto Rippel "An alle evangelischen Wähler und Wählerinnen von Groß-Hagen" schließen. Darin heißt es u. a.: "Alle gegnerischen Parteien bemühen sich, uns evangelische Wähler vor der christlichen Union zu warnen. Sie wollen die Union der Christen auseinandersprengen, uns ohnmächtig und mundtot machen und die Alleinherrschaft ausüben!" Dabei säht man Mißtrauen und Zwietracht, verdächtigt die CDU und sagt, sie sei eine katholische Sache. Das ist eine bewußte Unwahrheit. Wir evangelischen Männer und Frauen sind überall in der Leistung gleichberechtigt vertreten. Die Gegner der CDU hetzten mit Unwahrheiten und treiben so eine unsaubere konfessionelle Hetze. Wir wollen ob all der Not und Ohnmacht unseres Volkes Einigkeit, Frieden und Zusammenarbeit der christlichen Konfessionen. Die aber, die jetzt den Streit schüren, sind Feinde des tätigen lebendigen Christentums und Feinde unseres Volkes. Das gilt auch für die feige häßliche Flüsterpropaganda, die jetzt im Halbdunkel betrieben wird. In allen fünf Wahlbezirken Hagens stehen evangelische und katholische Männer und Frauen gleichberechtigt als Kandidaten zur Wahl. Gebt auf Unwahrheiten, Verdächtigungen und üble Nachrede wie auch auf alle "religiösen" Versprechungen die rechte Antwort und schenkt uns Euer Vertrauen. Wir wollen wahrhaften Volksdienst leisten. Darum wählt am 13. Oktober in jedem Wahlbezirk alle 6 Kandidaten der CDU! Für die evangelischen Kandidaten der CDU in Groß-Hagen - Otto Rippel!"
Das Ergebnis der Kommunalwahl vom 13. Oktober war eine Sensation. Ausgerechnet die neue CDU wird stärkste Partei. Von den 39 Mandaten im neuen Stadtparlament entfielen 19 auf die CDU, 16 auf die SPD und je 2 auf die FDP und KPD. Die Freude war grenzenlos. Der ersten gewählten Hagener CDU-Fraktion gehörten an Heinrich Engmann, Fritz Heidbüchel, Dr. Luise Rehling, Otto Rippel, Wilhelm Alef, Dr. Walter Benedict, Ludwig Bierbaum, Julius Degenhardt, Karl Lenz, Gustav Saßmannshausen, Robert Achenbach, Josef Gruß, Ernst Henrici, Bernhard Hillebrand, Rudolf Mönig, Walter Wurtscheid, Josef Golüke, August Falkenroth und Paul Heckers. Vorsitzender der Fraktion wurde ganz selbstverständlich Josef Golüke, der dieses Amt bis zu seinem Tode 1960 innehatte. Übrigens gelang es der CDU nie wieder, bei einer Kommunalwahl stärkste Partei zu werden. Immer hatte bei späteren Wahlen die SPD die Nase vorn. In der Westfalenpost/Ruhrnachrichten konnte man in einem ersten Kommentar folgendes lesen: "Wahlprognosen sind immer gewagt und können sich leicht ins Gegenteil umkehren, wie die SPD erfahren mußte, die noch am letzten Tag vor der Wahl mit einer knappen Führung rechnete. Statt dessen ergibt sich nun eine klare Führung der CDU nach Sitzen und Stimmen, die noch eindeutiger hätte ausfallen können, wenn weitere evangelische Volkskreise den Einigungsruf auf christliche Grundlagen gehört und verstanden hätten. Von Seiten der SPD wird für Hagen der selbstverständlichen Erwartungen nach Zusammenarbeit der beiden stärksten Parteien Ausdruck gegeben. Bereits vor der Wahl hat die CDU erklärt, daß sie grundsätzlich bereit ist, soweit dies mit den Richtlinien ihrer Gesamteinstellung vereinbar sei." Zu dieser Zusammenarbeit kam es dann auch. In der ersten Sitzung der neuen Stadtvertretung am Mittwoch, 30. Oktober 1946, ging es um die Wahl des Oberbürgermeisters. Bereits seit dem 13. Februar 1946 nahm dieses Amt Fritz Steinhoff von der SPD wahr, da Ewald Sasse (CDU) sich für die neue hauptamtliche Rolle des Oberstadtdirektors entschieden hatte. Auf Vorschlag von Josef Golüke erfolgte die einstimmige Wiederwahl Fritz Steinhoffs für das Amt des Oberbürgermeisters. Zum Stellvertreter und Bürgermeister wurde Otto Rippel von der CDU gewählt. Fritz Steinhoff bedankte mit den Worten: "Unsere Pflicht ist es, bei der Überwindung der vorhandenen Not das größte Maß an Gerechtigkeit zu erstreben und durch vorbildliches gemeinsames Wirken der Demokratie und damit der Zukunft Deutschlands zum Siege zu verhelfen. Gehen wir ans Werk und tun wir, was die Stunde uns gebietet." Für die CDU sprach der neugewählte Bürgermeister Otto Rippel. Er begründet, warum die CDU trotz ihrer Mehrheit Oberbürgermeister Fritz Steinhoff von der SPD vorgeschlagen und gewählt habe. Er sagte u. a.: "Die Hecken und Zäune unserer parteipolitischen Gegensätze werden überragt von der furchtbaren Not unsers Volkes. Diese Not zu überwinden, geht über die Kraft einer Partei. Nur in vertrauensvoller und opferbereiter Zusammenarbeit aller Kräfte, die guten Willens sind, kann diese deutsche Not überwunden werden. Deshalb bekennen sich die Stadtvertreter der CDU als die Vertreter der stärksten Partei und Fraktion bereit zur Zusammenarbeit mit allen aufbauwilligen Parteien auf der Plattform einer sachlichen, sauberen und tatbereiten Demokratie." Zwischen Oberbürgermeister Fritz Steinhoff und Oberstadtdirektor Ewald Sasse kam es in der Folgezeit zu einer sehr guten und für die Entwicklung der Stadt Hagen fruchtbaren Zusammenarbeit. Durch Beschluß des Rates der Stadt Hagen vom 21. November 1967 wurde beiden Männern das Ehrenbürgerrecht der Stadt verliehen. Die Gründung der CDU vor 50 Jahren war ein historischer Glücksfall. Dem Gedanken der Union, der Überwindung konfessioneller Unterschiede im parteipolitischen Handeln, ist es ganz wesentlich zuzuschreiben, daß der Bundesrepublik Deutschland die verhängnisvollen parlamentarischen Verhältnisse der Weimarer Republik erspart bleiben. Fünf Jahrzehnte verantwortungsvoller politischer Arbeit der großen Volkspartei CDU unter dem Motto "Freiheit und soziale Gerechtigkeit" waren Garant für die friedliche und erfolgreiche Entwicklung unseres Landes. Den Männern und Frauen, die vor 50 Jahren um den richtigen Weg gerungen haben und ihn schließlich mit Erfolg gegangen sind, gebührt auch heute noch Respekt und Dank.
